Magisches Winken mit den Fingern
Dunkle Gedanken - Ein neues Psycho-Heilverfahren breitet sich aus: magisches Winken mit den Fingern.
So titelte der Spiegel im Jahre 1994. Die Rede ist von EMDR oder Eye Movement, Desensitization and Reprocessing.
Magisches Winken?
Die Mär besagt, dass Shapiro aufgrund ihrer Brustkrebsdiagnose bedrückt und gedankenverloren durch einen Park ging, um dort inneren Frieden zu finden.Die kalifornische Sonne brannte ihr entgegen, so dass sie, um ihre Augen zu schützen, ständig die Blickrichtung ändern musste.Nach dem Spaziergang stellte sie fest, dass es ihr deutlich besser ging. Ihre Ängste vor dem Krebs und den damit verbundenen Folgen waren quasi verschwunden. Sie konnte das kaum glauben und ging diesem Phänomen nach. Shapiro fand heraus, dass die Augenbewegungen tatsächlich helfen, Stress zu reduzieren und Traumata abzubauen. Und nicht etwa das “Winken”, wie im Spiegel behauptet.
Selbstheilungskräfte werden aktiviert
Unser Körper macht das ganz von selbst im Schlaf: die REM-Phasen, die Rapid Eye Movement- Phasen, in denen sich unsere Augen während des Schlafes hin und her bewegen, dienen dazu, die Erlebnisse und Gefühle des Tages zu sortieren und zu verarbeiten. Vielleicht haben Sie das mal bei Ihrem Hund oder Ihrer Katze beobachtet?
Magic made by Nature
EMDR ist somit ein Verfahren, dass die Natur längst bei uns Menschen und anderen Säugetieren etabliert hat. Francine Shapiro hat mit EMDR die natürliche REM-Phase “einfach nur” in den Wachzustand versetzt. Das ermöglicht uns, ganz gezielt Stressoren oder Traumata zu verarbeiten. Und das tatsächlich “ im Schwuppdich-Verfahren”, wie es im Spiegel heißt. Denn EMDR ist oft deutlich schneller, effizienter und nachhaltiger als die meisten anderen Therapieansätze wie z.B. Gesprächstherapie,Verhaltenstherapie oder gar Psychoanalyse. Die natürliche REM-Phase ermöglicht uns, leistungsfähig zu bleiben und dafür zu sorgen, dass wir morgens gut in den Tag starten können. EMDR können wir nutzen, wenn die nächtlichen REM-Phasen nicht ausreichen, z.B. weil wir Schlafmittel nehmen oder unter Schlafstörungen leiden (womöglich durch zu großen Stress) oder die Eindrücke z.B. durch ein traumatisches Erlebnis, zu stark sind.
Wissenschaftlich fundiert
Francine Shapiro, damals noch Psychologiestudentin, veröffentlichte ihren ersten Artikel zu diesem Thema bereits im Jahr 1989, im gerade neu erschienen Journal of traumatic stress. Bereits zwei Jahre nach ihrer Entdeckung belegte Shapiro die detraumatisierende und entstressende Wirkung bei Patienten:
EMDR wird seit 2014 in Deutschland bei der Behandlung von PTBS-Patienten angewendet - und in dem Fall sogar von der Kasse bezahlt. Francine Shapiro hat uns also ein natürliches und effizientes Verfahren hinterlassen, das jeden Tag aufs Neue Menschen hilft, sich besser zu fühlen. Sie starb am 16. Juni 2019 im Alter von 71 Jahren.